WinzernotundWeltruf
Vom Fuder, das weniger wert war als sein Fass, zum Stock im Bernkasteler Doctor für hundert Mark: das Jahrhundert, das Felix Meyer 1926 aufschrieb — und in dem ein Trierer Weinbergsbesitzer namens Marx zur Ökonomie fand.
Im Januar 1837 wurden in Bernkastel neun Fuder Wein zwangsversteigert, teils aus den besten Lagen von Graach und Bernkastel. Sie brachten 135 Taler und 15 Silbergroschen — fünfzehn Taler das Fuder, samt Fass, das allein zehn bis zwölf kostete. Sechzig Jahre später zahlte man im Bernkasteler Doctor sechzig Mark für einen einzigen Rebstock. Zwischen diesen beiden Preisen liegt die Geschichte, die der Zeltinger Volkswirt Felix Meyer 1926 aufschrieb: die genaueste, die es über den Moselwein des 19. Jahrhunderts gibt. Der Trierer Jens Baumeister hat sie um die Familie ergänzt, die mitten in dieser Not einen Weinberg an der Ruwer besaß — die Familie Marx.
01 — vor 1800Teilbau und Weinglocke
Der Moselweinbau stand bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts unter dem Zeichen des Quantitätsbaues.
Felix Meyer, Weinbau und Weinhandel an Mosel, Saar und Ruwer, 1926, S. 13
Meyer begründet den Satz mit dem System, in dem der Winzer arbeitete. Der Grundherr überließ ihm den Weinberg gegen einen Teil des Rohertrags, meist die Hälfte oder ein Drittel; im 18. Jahrhundert galt „das Drittelsgut als das Normalgut“. Rebsorte, Düngung und Lesetermin bestimmte der Herr. Bei der Lese teilte der Winzer die Trauben im Weinberg in drei gleiche Haufen, und der Herr wählte. Dazu kam der Zehnte, ebenfalls in Trauben und im Weinberg erhoben — weshalb bannweise gelesen werden musste, nach der „Bequemlichkeit der Zehntbeamten“ —, und der Kelterbann, der den Winzer an die Kelter des Herrn zwang, mit Wartezeiten, in denen die Trauben verdarben. Wer so wirtschaftet, hat an Qualität kein Interesse: Jede Mühe kommt zu einem Drittel oder zur Hälfte einem anderen zugute.
Die kurkölnische Hofgedingordnung für Zeltingen und Rachtig von 1655, die Meyer im Wortlaut abdruckt, zeigt die Einzelheiten. Das Hofgeding tagte am Montag nach Johannis. Im siebten Jahr war zu misten; in diesem Jahr gab der Lehnmann aus dem Halbscheid-Weinberg nur die vierte, aus dem Drittel-Weinberg nur die sechste Traube. Wer vier Jahre säumte, verlor das Lehen.
1720: wem die Stöcke gehörten
Die kurtrierische Landmaß von 1720 zählte im Moseltal rund 21 Millionen Weinstöcke. Ein Viertel gehörte der Kirche, ein Zehntel dem Adel; an der Saar war der geistliche Anteil mit 16 Prozent kleiner, an der Ruwer mit knapp zehn am kleinsten. Der größte einzelne Besitzer war der Kurfürst selbst: 1.042.000 Stöcke in 38 Orten. Das Domkapitel hatte Weinberge in 26 Orten, Springiersbach in 21, Himmerod in 16, St. Maximin in zehn (Meyer, S. 15).
Die Taxe von Wehlen und Dusemond
Einen einheimischen Weinhandel gab es nicht. Die Käufer kamen aus Köln und vom Niederrhein, seit dem 17. Jahrhundert aus Holland, über Land aus Malmedy mit zweirädrigen Karren zu drei Fudern. Sie traten als Konsortium auf und setzten gemeinsam mit der Obrigkeit einen Einheitspreis je Ohm fest; die Weinglocke verkündete ihn. Damit auch der geringe Wein Abnehmer fand, wurde „gegabelt“: Wer sechs Fuder kaufte, bekam das beste mit dem schlechtesten gekoppelt, das zweite mit dem fünften.
Zwei Orte nennt Meyer dabei eigens: Die Taxen von Dusemond und Wehlen, nach denen sich die Nachbarorte richteten, wurden 1747 zum letzten Mal gehalten; 1748 kauften die Kaufleute nur noch die guten Keller, die sie sich in der „Weinschul zu Kölln“ vorgemerkt hatten, „von Fuder zu Fuder“ (S. 173–175). Seitdem gab es an der Mosel einen freien Preis — und Preisunterschiede zwischen gutem und schlechtem Wein.
Die Ausnahme war Trarbach. Seit der sponheimische Ort 1557 protestantisch geworden war, saßen dort eigene Händler, erst als Kommissionäre, dann auf eigene Rechnung: Böcking seit 1623, später Moog, Hüsgen, Langguth. In Trarbach und Enkirch wurde auch nicht der Zehnte in Trauben erhoben, sondern der „Neunte“ nach dem Herbst in Wein — was, so Meyer, eher erlaubte, auf Qualität zu arbeiten.
Kleinberger, Riesling und ein Sprichwort
Im 17. Jahrhundert herrschte der Kleinberger, der Elbling. „Rüßlinge“ nennt für die Mosel zuerst die Trorbachische Ehren-Säul von 1669. Um 1800 gab es Rieslinginseln: Trarbach und Enkirch, Oberfell, Zeltingen und Bernkastel, Trier, Piesport. Der Erdener Berg und der größte Teil des Braunebergs standen noch in den 1830er Jahren voll Kleinberger; Ellinckhuysen in Machern schrieb 1837, der Brauneberg habe fünfzig Jahre zuvor keinen Rieslingstock gehabt, und die Dusemonder würfen, wie er höre, den Riesling wieder weg und pflanzten ihre alten Kleinberger. Dabei war gerade der Brauneberger berühmt: Thomas Jefferson notierte 1788, er sei „the 1st quality without any comparison“ (nach Baumeister, S. 12).
Was den Riesling durchsetzte, war der Frost. Zwischen 1799 und 1830 zählt Meyer dreizehn Frostjahre; der Februar 1827 und der Winter 1829/30 vernichteten den empfindlichen Kleinberger. Der Winzer reimte:
Ein Rieslingstock — ein wollner Rock — ein Kornbrot schützt vor Not.
Sprichwort — bei Felix Meyer, S. 33
Noch 1881 waren dennoch 58 Prozent der Moselrebfläche Kleinberger (Meyer, Anm. S. 328). Meyer hielt die Ausbreitung des Rieslings auf alle Lagen übrigens für einen Fehler: Hätte man ihn auf die besten beschränkt, „so wäre der Mosel m. E. viel Leid erspart geblieben“ (S. 28–29).
02 — 1815 bis 1828Zehn Jahre hinter der Zollmauer
Preußen brachte zuerst Steuern — die Grundsteuer lag im Rheinland beim Mehrfachen der altpreußischen —, und 1817 war ein Hungerjahr (Baumeister, S. 17–18). Dann kam das Zollgesetz vom 26. Mai 1818. Es hob die Binnenzölle auf und belegte fremde Weine mit einer Eingangssteuer, die 1821 kräftig erhöht wurde: acht Taler je Zentner in die östlichen Provinzen. Rheingau und Pfalz lagen damals im Ausland. Die Mosel besaß auf dem preußischen Markt, was Meyer ein Quasimonopol nennt.
Dazu kamen die Jahrgänge 1819, 1822 und 1825. Im Herbst zahlte man 160 bis 195 Taler für das Fuder; 1822, schrieb der Trarbacher Händler Hüsgen, fielen die Käufer „scharenweise“ in Dusemond, Zeltingen, Piesport, Graach und Erden ein. Eine Trarbacher Firma lieferte in einer einzigen Woche vierzig Fuder per Achse nach Berlin — mit bis zu dreißig Pferden Vorspann den Hunsrück hinauf. England senkte 1825 den Zoll auf deutsche Weine; in Trier trug die Steipe am Hauptmarkt die Aufschrift „Hotel Red House“ (Baumeister, S. 22).
| Gemeinde | 1811 | 1815 | 1818 | 1819 | 1822 |
|---|---|---|---|---|---|
| Zeltingen-Rachtig | 81 | 115 | 136 | 110 | 130 |
| Erden | 77 | 110 | 122 | 105 | 125 |
| Lösnich | 77 | 110 | 122 | 105 | 125 |
| Wolf | 60 | 77 | 92 | 74 | 109 |
Was die Winzer mit dem Geld taten, hielt Meyer für das eigentliche Verhängnis. Sie verbesserten nicht den Wein, sie pflanzten mehr davon. Ödland und Äcker wurden bestockt, Weinbergspreise stiegen, man kaufte auf Kredit. In der Rheinprovinz wuchs die Rebfläche von 33.300 Morgen im Jahr 1823 auf 40.300 im Jahr 1828. Der Staat sah den Wohlstand und führte 1819/20 die Moststeuer ein, gestaffelt in sechs Klassen nach der Güte der Lage — und manche Gemeinde drängte des Rufes wegen in die höchste.
Es fehlte die Not, der Motor alles wirtschaftlichen Fortschritts.
Felix Meyer, S. 39
03 — 1828 bis 1857Das Fass teurer als der Wein
Am 14. Februar 1828 schloss Preußen einen Zollvertrag mit Hessen-Darmstadt, der am 1. Juni in Kraft trat. In den ersten Monaten kamen über 5.000 Stück Wein über die rheinhessische Grenze. Bald folgten Bayern, Württemberg und Baden. Aus einem geschützten Markt für die Mosel war ein gemeinsamer mit der Pfalz, Rheinhessen und Franken geworden — und der Steilhang mit seinem späten Riesling stand gegen die Ebene mit ihren weichen, früh reifen Sorten.
Die Mosel wurde beim Abschluß des Zollvereins dem allgemeinen Vaterlandsinteresse zum Opfer gebracht.
Felix Meyer, S. 44
Wie schnell es ging, zeigt ein einziger Jahrgang. Der 1826er kostete in Zeltingen nach dem Herbst 120 bis 150 Taler das Fuder. 1827 waren es 80 bis 100, 1828 noch 60 bis 80, 1829 vierzig bis fünfzig, 1830 sechsundzwanzig.
Aus den Akten
Meyer hat aus dem Bernkasteler Wochenblatt, dem Tagebuch des Zeltinger Winzers Johann Adam Scheer und den Berichten der Bürgermeister zusammengetragen, wie die Not im Einzelnen aussah.
- Erden, Herbst 1833: Ein Fuder kostet einen auswärtigen Besitzer, die Baukosten nicht gerechnet, 51 Taler 24 Silbergroschen, darin gut sieben Taler Moststeuer. Im Mai darauf wird es für 41 verkauft.
- Bernkastel, 20. Januar 1837: Zwangsversteigerung von acht Fudern 1836er aus Graach und Bernkastel und einem Fuder 1825er Graacher: 135 Taler 15 Silbergroschen für alles.
- Kinheim, 1. Februar 1837: Ein junger Wingert geht für anderthalb Pfennig je Stock weg. 1828 hatte der Stock fünf Silbergroschen gekostet — das Vierzigfache.
- Bernkastel, Januar und Februar 1837: Das Friedensgericht verurteilt in zwei Monaten 343 Winzer zur Zahlung von 31.631 Talern. Nach einer Denkschrift des Zeltinger Winzers Breuning von 1841 waren die Klagen im Kanton in einem Vierteljahrhundert von zwei- bis dreihundert auf etwa dreitausend im Jahr gestiegen; drei Gerichtsvollzieher verdienten je 2.000 Taler und fuhren „in eigenen Equipagen“.
- Kues und Lieser, 1838: Fünfzehn bis zwanzig Fuder 1837er bringen zusammen fünfzehn Taler. Der Notar nimmt das Protokoll umsonst auf.
- Graach: Eine Witwe gibt ein Ohm Wein für zwei Pfund Butter, zwei Pfund Brot und Zwiebeln.
- Zeltingen, 1838: Von etwa 290 Bürgern können 29 ihre Abgaben aus eigenen Mitteln zahlen. Es gibt Familien, schreibt der Bürgermeister, mit „5 und mehr Fuder Wein im Keller und kein Brot aufm Tische“.
- 1840: Das Ohm Wein kostet ein bis zwei Taler — das Fuder Apfelwein achtzehn bis zwanzig.
Mitunter war das Faß teurer als sein Inhalt.
Felix Meyer, S. 50
Die Moststeuer wurde weiter erhoben, beim Erzeuger und ohne Rücksicht auf den Jahrgang; zwischen 1829 und 1851 musste sie für elf Jahrgänge ganz oder teilweise erlassen werden (Meyer, S. 58). In Bernkastel und Graach waren die Steuern, wie der Provinzialsteuerdirektor 1844 der Trarbacher Kommission vorrechnete, zwischen 1820 und 1842 um 144 Prozent gestiegen (Baumeister, S. 140). Aus dem Regierungsbezirk Trier wanderten 1844 noch 458 Menschen aus, 1845 waren es 1.002, im Jahr 1846 dann 5.805 (Meyer, S. 51). Die Siedlung Neu-Mehring, 1842 von 22 Familien bezogen, zog zehn Jahre später geschlossen nach Wisconsin (Baumeister, S. 145–146).
Als Geldgeber der verschuldeten Winzer nennt Meyer an drei Stellen pauschal Juden und unterstellt ihnen Ausnutzung der Not. Er gibt dafür weder Namen noch Belege; es ist das Vorurteil seiner Zeit, kein Befund. Was die Quellen über jüdische Kreditgeber an der Mosel tatsächlich hergeben, steht auf der Seite Jüdische Weinhändler.
Der Weinbau setzte bereits das ganze Elend des industriellen Proletariats in die Welt, als es noch gar keine moderne Industrie gab.
Felix Meyer, S. 55
04 — 1830 bis 1864Die Familie Marx und ihr Weinberg
Unter den Trierer Bürgern, die in diesen Jahren Wein besaßen, war der Advokat Heinrich Marx. In Kürenz vor der Stadt hatte er zwei Grundstücke von zusammen knapp zwei Morgen, Weinberg, Acker und Garten gemischt. Wichtiger war der Besitz an der Ruwer: Um 1830 kaufte er gemeinsam mit dem Arzt Lion Berncastel sechs Parzellen von zusammen neun Morgen — 2,3 Hektar — im Grünhäuser Viertelsberg in Mertesdorf, westlich des Schlosses Grünhaus. Der Name kommt vom Teilbau: Der Pächter gab hier ein Viertel ab. Baumeister nennt die Lage „eine gute, aber keine Spitzenlage“. Fünf bis zehn Morgen waren ein größerer Mittelbetrieb; die meisten Winzer, die allein vom Wein lebten, hatten ein oder zwei.
Als Heinrich Marx am 10. Mai 1838 starb, lagen im Keller etwa drei Fuder Kürenzer Rot- und Weißwein und siebzehneinhalb Fuder Grünhäuser. Das Inventar bewertet sie mit der ganzen Spreizung der Jahre: den 1835er mit 60 Talern das Fuder, den 1833er mit 80, den 1834er mit 350. 1839 wurde geteilt; der Familie blieben gut vier Morgen, 1841 auf 3.000 Taler geschätzt, bei einer Rendite von 150 Talern im Jahr.
„†† Von der Mosel“
Am 15. Oktober 1842 wurde Karl Marx, vierundzwanzig Jahre alt, Chefredakteur der Kölner Rheinischen Zeitung. Einen Monat später erschien dort ein Bericht mit der Sigle „†† Von der Mosel“ über die Lage der Winzer, im Dezember zwei weitere. Hinter der Sigle stand Peter Joseph Coblenz — ob schon der erste Artikel von ihm oder von Marx stammt, lässt Baumeister offen —, Winzersohn aus Bernkastel, Jurist, als Gerichtsreferendar in Trier entlassen und nun Rechtsberater in seiner Heimatstadt.
Der desolate Zustand der Winzer war höheren Orts lange Zeit in Zweifel gezogen und ihr Notgeschrei für freches Gekreisch gehalten worden.
Peter Joseph Coblenz, „Bernkastel, 10. Dez.“, Rheinische Zeitung 1842 — bei Baumeister, S. 110
Der Oberpräsident der Rheinprovinz, von Schaper, verlangte am 15. Dezember Beweise, den Namen der Gemeinde und den des Verfassers. Coblenz wollte sich zurückziehen. Marx übernahm die Verteidigung selbst: Vom 15. bis zum 20. Januar 1843 erschien in fünf Ausgaben die „Rechtfertigung des ††-Korrespondenten von der Mosel“. Geplant waren fünf Teile; gedruckt wurden zwei, über die Holzverteilung und über die Presse.
Der Notzustand der Mosel ist zugleich ein Notzustand der Verwaltung.
Karl Marx, Rechtfertigung des ††-Korrespondenten von der Mosel, Rheinische Zeitung, Januar 1843 — bei Baumeister, S. 126
Die Verwaltung, argumentierte Marx, könne die Not nicht sehen, weil sie in ihr das Ergebnis ihrer eigenen Arbeit sehen müsste; zwischen Verwaltung und Verwalteten brauche es ein Drittes, die freie Presse. Am 20. Januar 1843 beschloss die Regierung das Verbot der Zeitung zum 31. März. Den dritten Teil ließ der Zensor nicht mehr durch; Schaper nannte das Manuskript „eine förmliche chronique scandaleuse des Moseltales“. Marx trat am 17. März aus der Redaktion aus. Im Regierungsbezirk Trier hatte das Blatt nur dreißig Abonnenten — aber die Nummern, schrieb die Trier’sche Zeitung, „wandern von Hand zu Hand“.
Eine Folge hatten die Artikel nach Baumeister doch. Im September 1844 tagte in Trarbach eine Kommission unter Schapers Vorsitz, sieben Beamte und sechs Gutsbesitzer. Die Aufhebung der Moststeuer lehnte sie mit sieben gegen sechs Stimmen ab; einstimmig beschloss sie die Revision des Weinbergskatasters. Für die Rodung schlechter Weinberge schien ihr eine zwölfjährige Grundsteuerfreiheit angemessen (Meyer, S. 64–65) — getreu dem Grundsatz: „Wo ein Pflug kann gehen, soll kein Weinstock stehen!“
Marx selbst hat später gesagt, wohin ihn die Mosel geführt hat. Im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie schrieb er 1859, als Redakteur der Rheinischen Zeitung sei er „zuerst in die Verlegenheit“ gekommen, „über so genannte materielle Interessen mitsprechen zu müssen“. Engels wurde 1895 deutlicher: Marx sei „grade durch seine Beschäftigung mit dem Holzdiebstahlsgesetz und mit der Lage der Moselbauern … von der bloßen Politik auf ökonomische Verhältnisse verwiesen worden und so zum Sozialismus gekommen“. Meyer, kein Marxist, fasste es 1926 in ein Bild: Die Winzernot sei der „Strom des Elends, aus dem Marx zum erstenmal seine Anregungen schöpfte“.
Eine verfehlte Spekulation
Die Familie hielt den Weinberg durch die ganze Krise. 1859 verkaufte die Mutter ihn — zwei Jahre nach dem Jahrgang, der die Not beendete. Jenny Marx schrieb im Juni 1860 an ihren Bruder: „Leider hat meine Schwiegermutter im vorigen Jahre ihren Grünhäuserweinberg verkauft, was sich jetzt als eine sehr verfehlte Spekulation herausgestellt hat.“ Als Marx im Dezember 1863 zur Regelung des Nachlasses nach Trier kam, lagen noch fünf Fuder 1858er im Keller der Fleischstraße. Sie wurden am 8. März 1864 versteigert, „eigenen Wachsthums und rein gehalten“, und brachten im Schnitt 144 Taler das Fuder, gut die Hälfte über der Taxe.
Getrunken hat Marx später vor allem, was Engels schickte: Bordeaux, Port, Sherry. Im Januar 1868 bat er um Claret und „auch some Hock oder Mosel“. Nach einer Operation 1870 stärkte er sich, wie Jenny berichtet, mit den Ärzten am „köstlichen Braunenberger“ — dem einzigen Moselwein mit Herkunft, der bei ihm vorkommt. Und 1866 schrieb er an den Vater seines künftigen Schwiegersohns:
Da ich aus einer Weingegend stamme und Ex-Weinbergbesitzer bin, weiß ich den Wert des Weins sehr wohl zu schätzen.
Karl Marx an François Lafargue, 1866 — bei Baumeister, S. 219
05 — 1851Ludwig Gall und die Magdeburger Sonne
Der Mann, der die geringen Lagen rettete, war kein Winzer. Ludwig Gall, 1791 in Aldenhoven geboren, seit 1816 Sekretär der Trierer Regierung, Erfinder eines Dampfbrennapparats, veröffentlichte 1851 eine Anleitung, sehr gute Mittelweine selbst aus unreifen Trauben zu erzeugen. Anders als der Franzose Chaptal setzte er dem Most nicht nur Zucker zu, sondern Zucker und Wasser — der Zucker hob den Alkohol, das Wasser verdünnte die Säure. Justus Liebig billigte das Verfahren 1854. Gallisierter 1852er brachte 105 bis 117 Taler das Fuder, roher Wein derselben Lage 25 bis 30.
Den kleinen Winzern half das zunächst nichts, denn ihnen fehlte das Geld für den Zucker; von 218 Käufern des Verfahrens bis 1854 waren über 170 keine Winzer. Gezuckert wurde am Niederrhein und in den Seestädten, mit billigem Rübenzucker. An der Mosel selbst setzte es sich erst nach dem Fehljahr 1871 durch; 1873 gingen 18.096 Zentner Traubenzucker moselaufwärts.
Was die natürliche Sonne versäumt hatte zu geben, das mußte die „Magdeburger Sonne“ den Trauben fortan ersetzen.
Felix Meyer, S. 122
Meyers Urteil ist eindeutig und bis heute unbequem: Der Riesling habe „erst infolge der gesetzlichen Anerkennung des Gallisierens“ die Traube der ganzen Mosel werden können (S. 137).
06 — 1857 bis 1900Mit einem Schlage
Mit einem Schlage hat das eine Jahr 1857 der vielbesprochenen Not der Winzer ein Ende gemacht.
Felix Meyer, S. 73
| Wein | Preis |
|---|---|
| 1835er beste Graacher | 38 |
| 1835er Wehlener | 48–50 |
| 1836er Graacher | 60 |
| 1854: acht Fuder Josephshöfer, versteigert | 30 |
| 1857er Josephshöfer und Piesporter | 900–1.200 |
| 1857er Scharzhofberger | 1.200–1.300 |
| 1857er Ohligsberger | 1.400–1.500 |
Der Josephshöfer kostete also 1857 das Dreißig- bis Vierzigfache dessen, was er drei Jahre zuvor gebracht hatte. Es folgten 1858, 1859, 1861, 1862 und 1865; nur der 1860er fiel aus und hieß „Garibaldi“. Auf der Londoner Weltausstellung von 1862 zeigten 21 Aussteller 43 Proben; die Handelskammer Trier und das Bürgermeisteramt Trarbach erhielten Medaillen, ehrenvoll erwähnt wurden Scharzhofberg, Grünhaus und die Erben Rautenstrauch. Am 1. Juli 1865 fiel die Moststeuer.
Was sich im Weinberg änderte
Der Riesling setzte sich durch — 1866 brachte an der Obermosel der 1865er Riesling 280 bis 300 Taler, der Kleinberger 200. Um die Jahrhundertmitte hatte er nach Baumeister gut vierzig Prozent der Fläche, um 1900 fast neunzig. Die alten Rotweinlagen, darunter Wehlen, Rachtig, Piesport, Trittenheim und Lieser, wurden umgestellt. Statt in drei oder vier Etagen zog man die Stöcke niedrig und setzte sie weiter: 1898 mindestens einen Meter, im Kreis Bernkastel 1,20. Stallfütterung und Kleebau lieferten Mist für eine Düngung alle drei Jahre. Und man las später: 1781 hatte die Lese am 26. September begonnen, 1811 am 30., 1865 begann sie am 20. Oktober. Das „Gelinnen“, die freie Nachlese durch die Armen, wurde 1826 und noch einmal 1836 verboten, die Vorlese fauler Trauben erlaubt.
Die Bahn, die Flasche, der Händler
Die erste Eisenbahn, 1860 von Saarbrücken nach Trier, war für die Mosel bedeutungslos. Die Moselbahn von Koblenz nach Trier wurde am 15. Mai 1879 eröffnet, die Stichbahn von Wengerohr nach Bernkastel 1882 — „wie mit einem Zauberschlage“, schreibt Meyer, setzte der Bernkasteler Handel ein. Die Fracht für ein Fuder nach Berlin kostete 1836 per Achse 180 Taler; 1865 mit der Bahn 22.
Erst jetzt entstand ein Moselweinhandel an der Mosel. Um 1880 gab es siebzig bis achtzig Handlungen, vor dem Krieg 265 — 97 in Trier, 63 im Kreis Bernkastel, 48 im Kreis Zell. Ihre Inhaber kamen aus den Trarbacher Häusern oder waren Schiffer, Fuhrleute, Wirte, Küfer und Kommissionäre gewesen. Sie übernahmen, was der Winzer nicht leisten konnte: den Keller, das Lager, die Flasche. In Zeltingen wurde das erste Fuder erst 1870 beim Winzer selbst auf Flaschen gezogen, und das ganze Dorf sah zu. Ohne Flaschenfüllung, meint Meyer, „hätte m. E. der Moselwein nie Modewein werden können“. In England und seinen Kolonien fand Deinhards „Sparkling Moselle“ großen Anklang; seit den australischen Goldfunden der 1850er Jahre beherrschte er dort bis Ende der 1860er den Schaumweinmarkt fast allein.
Hundert Mark für einen Stock
Dann kamen die Neunziger — 1892, 1893, 1895, 1897 —, und der Boden wurde Gold wert. In Erden kostete der Quadratmeter Weinberg 1860 zwischen fünfzig Pfennig und zwei Mark, um 1900 bis zu 25. In der Bernkasteler Badstube und im Graben zahlte man 1846 für den Stock 35 Pfennig, Ende der 1890er nicht unter zwölf Mark. Ein Scharzhofberger Weinberg von 3.053 Quadratmetern, 1844 für 1.848 Taler ersteigert, wurde 1896 für 90.000 Mark verkauft.
1898 wurde die eine Hälfte, etwa 4.000 Stöcke, für 240.000 Mark verkauft — sechzig Mark je Stock. 1900 zahlte Deinhard & Co. dem Bürgermeister Kunz für die andere Hälfte hundert Mark je Stock (Meyer, S. 106–107).
Wo kein Weinberg zu kaufen war, legte man einen an. Lohhecken an der Saar und Ruwer wurden gerodet; allein 1897 entstanden 117 Hektar neu. Der preußische Staat baute drei Domänen aus dem Nichts: Ockfen, wo am 1. Dezember 1896 die erste Rebe gesetzt wurde (14 Hektar, 114.500 Stöcke), Avelsbach bei Trier (30 Hektar, für die Strafgefangene über 510.000 Kubikmeter Erde bewegten) und Serrig (36 Hektar) — zusammen für 3,3 Millionen Mark. Meyer nennt das den „kapitalistisch betriebenen Neubesitz an der Saar“ und hält fest, dass Saar- und Ruwerweine für das große Publikum „ehedem“ noch gar nicht existierten.
Den Piesporter trank der Kutscher, der Brauneberger war ein Bowlen- und der Zeltinger ein kleiner Kirmeswein.
Felix Meyer über den Ruf der Moselweine vor dem Aufstieg, S. 150
Versteigerungen
Die großen Güter verkauften nicht an den Handel, sondern versteigerten — in Trier, seit 1876 im Saal des Katholischen Bürgervereins. 1906 fielen dort Zuschläge von 15.020, 19.060 und 25.000 Mark für ein einziges Fuder, bei einem Durchschnitt von 3.664. 1910 schlossen sich drei Konsortien zum Trierer Verein von Weingutsbesitzern zusammen, dem späteren „Großen Ring“. Bernkastel hielt seine erste Versteigerung 1901 im Kasino: 132½ Fuder für 233.430 Mark. Die Käufer waren zunehmend Private, Kasinos und Hotels, die sich ein „Aktien-Fuder“ teilten. Eine Saison verbrauchte an Probewein neunzehn Fuder — und 120.000 Brötchen. So laut das alles war: Versteigert wurden nur etwa zwei Prozent der Moselernte.
07 — 1879 bis 1909Puristen und Verbesserer
Je teurer der Naturwein wurde, desto schärfer wurde der Streit darum, was Wein überhaupt sei. Auf der einen Seite standen die großen Güter, besonders die jungen Betriebe an der Saar: Sie hatten die Lagen, in denen der Riesling auch ohne Zucker reif wurde, und wollten jeden Zusatz verboten sehen. Auf der anderen standen die Kleinwinzer der geringen Lagen und der Handel.
| Jahr | Regelung |
|---|---|
| 1879 | Nahrungsmittelgesetz, im Geist der Puristen; eine Bekanntmachung von 1882 lässt das Gallisieren „zur Verbesserung“ wieder zu. Die Gerichte urteilen widersprüchlich. |
| 1892 | Zuckerung ohne Deklaration erlaubt, solange der Wein die Analysenwerte einhält — der „analysenfeste Wein“. Antwort auf den Handelsvertrag mit Italien. |
| 1901 | Erste Kellerkontrolle; verboten ist eine „erhebliche“ Vermehrung — für Meyer ein „Kautschukbegriff“. |
| 1909 | Zuckerwasser höchstens ein Fünftel, nur von der Lese bis zum 31. Dezember und nur im Weinbaugebiet. Verbesserter Wein darf kein Wachstum nennen. Hauptamtliche Kontrolleure. |
Das Gesetz von 1909 ließ eine Lücke, die Meyer mit einem Beispiel beschreibt: Ein Verschnitt aus 51 Prozent Zeltinger und 49 Prozent spanischem Wein durfte „Zeltinger“ heißen. Der Lokalweinbauverein, der sich 1876 um Dusemond gebildet hatte, verpflichtete seine Mitglieder dagegen auf Naturwein — bei einer Buße von erst 30, dann 200 Mark je Fuder.
08 — 1901 bis 1926Zum zweiten Mal: Wein, aber kein Brot
Die Mode hielt zehn Jahre. Seit 1901 fielen die Preise, während die Kosten blieben. Die Peronospora, 1886 zum ersten Mal verheerend, richtete 1905 einen Schaden von über fünfzig Millionen Mark an; gegen den Heu- und Sauerwurm gab es kein Mittel. Die Reblaus dagegen, die das übrige Europa verwüstete, blieb der Mosel fast ganz erspart — Meyer nennt nur das lothringische „Metzer Verseuchungsgebiet“ und, 1925, einen einzigen Herd in Ayl an der Saar. Im Kreis Bernkastel hatten 1909 zwei Drittel der Winzer ein Einkommen unter 900 Mark. Die Schulden bei fünfzig Genossenschaften stiegen nach einer Statistik von 1913 binnen zehn Jahren von 1,5 Millionen Mark (1900) auf 8,3 Millionen. In Traben-Trarbach zogen über vierhundert Menschen fort.
Meyer deutet die Krise wie die erste: Nicht die Weingesetze seien schuld, sondern die Handelsverträge, die den Zoll auf fremden Wein senkten. Der Krieg wirkte dann wie ein Schutzzoll. 1915 kaufte der Handel ganze Gemeinden für 300 bis 500 Mark das Fuder aus; erst 1917 verdienten die Winzer selbst und tilgten ihre Schulden. Auf den Versteigerungen kam ein Fuder 1921er auf über 100.000 Goldmark.
Dann schloss das Reich zum 1. August 1924 einen Handelsvertrag mit Spanien. In zehn Monaten kamen 349.721 Doppelzentner spanischer Fasswein ins Land. Das Fuder Moselwein kostete im Januar 1924 noch 1.100 Mark, im Januar 1925 fünfhundert. Im April 1925 lagen in 108 Gemeinden 27.365 Fuder unverkauft, davon 23.084 aus dem letzten Herbst; in sechs Wochen zählte man in 79 Gemeinden 1.979 Pfändungen und 2.693 Notverkäufe. Hier endet Meyers Buch — sein Vorwort ist auf den 1. März 1926 datiert.
25. Februar 1926
Vier Tage vorher war geschehen, was die Bernkasteler Festschrift von 1991 ausführlich erzählt. Am 7. Februar hatten sich in Bullay etwa 20.000 Winzer und Angehörige versammelt. Am 25. Februar zogen Tausende nach Bernkastel-Kues, stürmten das Finanzamt, die Finanzkasse und das Zollamt in Kues und verbrannten Akten. Die Bernkasteler Zeitung schrieb am 1. März: „Die Winzer haben Wein, aber kein Geld, um Brot zu kaufen“ — ein Echo dessen, was der Zeltinger Bürgermeister 1838 berichtet hatte.
Am 27. März schaffte der Reichstag die Weinsteuer zum 1. April 1926 ab. Im Juni standen 29 Angeklagte vor dem Trierer Landgericht, vor allem aus Graach, Erden und Lösnich, „Kleinwinzer mit 2–6000 Meter Weinberg“; zwölf wurden freigesprochen, die übrigen nach den — nicht ganz einheitlichen — Zeitungsberichten zu drei bis acht Monaten verurteilt und im September begnadigt. Der Hunsrück- und Moselmaler Wilhelm Terwei schrieb der „Schikania Weinsteuer“ einen Nachruf: Sogar der berühmte Doktor von Bernkastel habe ihr nicht mehr helfen können.
Weder Prohibitivzoll noch Freihandel, schreibt der Volkswirt, sondern „mäßiger Druck“ des Auslands und konsequenter Qualitätsbau (S. 163, 256). Sein Buch zeigt zweimal, was geschieht, wenn ein Schutz die Fläche wachsen lässt statt die Güte — nach 1818 und nach 1914. Die Diagnose erinnert an die, die Stuart Pigott achtzig Jahre später der Zeit nach 1971 stellt.
NachweiseQuellen dieser Seite
- Felix Meyer, Weinbau und Weinhandel an Mosel, Saar und Ruwer. Ein Rückblick auf die letzten 100 Jahre, Koblenz: Görres-Druckerei 1926, 347 S. und Tafeln. Meyers Quellen: Handelskammerberichte Trier und Koblenz, Akten des Landratsamts Bernkastel und der Bürgermeisterei Zeltingen, das Tagebuch des Winzers Johann Adam Scheer (1814–1864), das Bernkasteler Wochenblatt, die Geschäftsbücher der Trarbacher Häuser Hüsgen und Kayser.
- Jens Baumeister, Wie der Wein Karl Marx zum Kommunisten machte. Ein Philosoph als Streiter für die Moselwinzer, 3. Aufl., Trier 2021 (Selbstverlag), 219 S. — populär und ohne Einzelnachweise; seine Zahlen sind hier als seine Angaben wiedergegeben.
- Stefan Kritten, Winzerunruhen an der Mittelmosel und Erstürmung des Finanzamtes in Bernkastel, in: Bernkastel-Kues in Geschichte und Gegenwart, 1991, S. 369–387.
- Meyer schreibt als Zeltinger und als Mann der Winzerverbände von 1926: Seine zollpolitische Deutung und seine Parteinahme für die Zuckerung sind Standpunkt. Einige Tabellen seines Buches sind im Scan nicht sicher lesbar und deshalb hier nicht wiedergegeben; die Tabellen dieser Seite sind auf die eindeutig lesbaren Reihen beschränkt.