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Schieferfels über der Mosel
Vertiefung — Antike bis 1550

Kelter,Kloster,Kölner Markt

Acht römische Kelterhäuser am Fuß der besten Lagen, eine Winzersprache voller Latein, Trierer Schöffen mit sechzig Fudern im Keller — und 1464 die ersten 1.500 Rieslingreben.

Bis 1977 gab es an der Mosel keinen einzigen archäologischen Beweis dafür, dass die Römer hier Wein gemacht haben — nur ein Gedicht, ein steinernes Schiff und viele Vermutungen. Zwanzig Jahre später lagen acht Kelterhäuser frei, alle an der Mittelmosel, fast alle am Fuß der Hänge, die heute Goldtröpfchen, Juffer Sonnenuhr oder Treppchen heißen. Der Trierer Sammelband Weinbau zwischen Maas und Rhein in der Antike und im Mittelalter, 1997 von Michael Matheus herausgegeben, zieht die Linie von diesen Becken bis zu den Trierer Rechnungsbüchern von 1464, in denen zum ersten Mal an der Mosel das Wort Riesling steht.

01 — 3. bis 5. JahrhundertAcht Kelterhäuser

Karl-Josef Gilles, der Ausgräber, beginnt seinen Beitrag mit einem Eingeständnis des Fachs: Ausonius und Venantius Fortunatus bezeugten Rebflächen, das Neumagener Weinschiff und der 1976 bei Kinheim gefundene Sucellus galten als Indizien — aber die Neumagener Denkmäler zeigen, wie Gilles einräumt, „primär den Weintransport oder -handel“. Reben, Weinblätter und traubenlesende Putti gehörten zum Repertoire jedes Steinmetzen.

Bis zum Jahre 1977 fehlte an Rhein und Mosel also jeder direkte archäologische Nachweis für eine Weinerzeugung oder Weinverarbeitung zur Römerzeit.

Karl-Josef Gilles, in: Matheus (Hrsg.), Weinbau zwischen Maas und Rhein, S. 8

Dann kam Maring-Noviand, und in den folgenden zwei Jahrzehnten kamen sieben weitere Anlagen hinzu, „ausschließlich an der Mittelmosel im Bereich des Kreises Bernkastel-Wittlich“. Bis auf Lösnich liegen alle in Rebflächen, die noch heute genutzt werden und zu den besten zählen; in Piesport, Brauneberg und Graach beginnen die Weinberge nach der Wertschätzung von um 1850 bei Klasse I. Die Regel, die sich daraus ergab — am Fuß steiler Süd- oder Südwesthänge, unmittelbar an der Mosel —, war so verlässlich, dass Gilles die Kelter von Erden mit ihr gezielt suchte und fand.

Die acht Kelteranlagen nach Gilles (1997), S. 16 und 24–36
Ort — heutige LagegegrabenGebäudeZeitRebflächeerster Weinberg
Piesport „im Briesch“ — Domherr1985/86, 199445 × ca. 20 m4.–5. Jh.mind. 60 ha776/777
Piesport-Müstert — Goldtröpfchen1992ca. 20 × 9 mvielleicht ab um 200, bis um 380ca. 10 ha776/777
Brauneberg Ost — Juffer Sonnenuhr199114,8 × 8,7 m2. H. 3. – 1. H. 5. Jh.zusammen ca. 25 havor 596
Brauneberg West — Juffer Sonnenuhr199017 × 9 m4. – 1. H. 5. Jh.vor 596
Maring-Noviand — Kirchberg197713,4 × über 9 m1. H./Mitte 4. Jh.ca. 8 ha1143
Graach — Josephshöfer1995/96über 30 × 16,5 mGrabung lief noch—1051
Erden „im Dellert“ — Treppchen1992/9338 × 16 mMitte 3. – Mitte 5. Jh.knapp 10 ha1177
Lösnich „Hinterwald“1973/74, 199017 × 12 m4. – frühes 5. Jh.ca. 12 haEnde 12. Jh.

Treten, pressen, räuchern

Jede Anlage hatte mindestens ein Maische-, ein Press- und ein Mostbecken. Die Trauben wurden im Maischebecken mit den Füßen zertreten, ein bis zwei Tage stehen gelassen und dann im Presskorb unter einer Baumkelter ausgepresst, deren schwebender Gewichtsstein meist bis zu zwanzig Zentner wog; eine solche Kelter konnte „Tag und Nacht durcharbeiten“. In Piesport lagen die Becken auf drei Ebenen. Getrennte Abflüsse in Brauneberg-West, Erden und wohl auch Piesport zeigen, dass man Sorten oder Qualitäten auseinanderhielt. Piesport und Erden besaßen ein fumarium, eine Rauchkammer, in der Wein nach dem Rezept Columellas vorzeitig zur Reife gebracht wurde. In Erden standen zwei aufrechte Holzfässer — außerhalb von Trier die ersten des Moseltals —, gefüllt mit Calciumcarbonat: vermutlich zum Entsäuern. Als Kelterhaus dienten die Bauten nur sechs bis acht Wochen im Jahr; in Brauneberg und Müstert lagerten den Rest des Jahres Obst und Getreide darin.

Aus Columellas Angaben schätzt Gilles rund 4.000 Liter Wein je Hektar — um 1900 lagen die Durchschnittserträge an der Mosel bei etwa 2.500. Die Beckengrößen erlauben den Rückschluss auf die Flächen: Für Piesport mindestens sechzig Hektar, nach Gilles „wohl eine der größten zusammenhängenden Rebflächen nördlich der Alpen“. Rechnet man mit Columellas Winzer, der sieben iugera (rund 1,77 Hektar) versorgt, so arbeiteten in Piesport ständig mehr als dreißig Leute, in Brauneberg etwa fünfzehn, zur Lese das Drei- bis Vierfache.

Privatkelter und Staatsbetrieb

Lösnich und Noviand waren Nebengebäude privater Gutshöfe. Piesport, Brauneberg und Erden dagegen standen als reine Zweckbauten mitten im Weinberg, und was man in ihnen fand — staatliche und militärische Ziegelstempel, Gürtelbeschläge höherer Beamter oder Offiziere —, spricht für Domänen, entstanden um 300, als die Kaiserresidenz nach Trier kam. Der Most ließ sich per Schiff in die Speicher des Hofes bringen; dem Militär stand nach dem Codex Theodosianus auf Kriegszügen an jedem zweiten Tag eine Weinration zu. Der Verwalter saß vielleicht in Niederemmel, wo das Diatretglas und eine um 316 gefertigte Goldfibel zum Regierungsjubiläum Konstantins gefunden wurden. In Graach tragen die Ziegel dieselben Stempel wie die Trierer Großbauten.

Gilles datiert die erste Blüte entsprechend spät: nach der Mitte des 3. und vor allem im 4. Jahrhundert. Das Edikt Domitians von 92, das den Weinbau in den gallischen Provinzen beschränken sollte, habe ihn an der Mosel „keineswegs ausgerottet“; um 278 lockerte Probus es. In Augst am Hochrhein bricht der Import süd­gallischer und italischer Weinamphoren vor 280 ab — der Wein kam nun, wie Gilles nach Stefanie Martin-Kilcher referiert, „vermutlich in Fässern von der Mosel über den Rhein“. Spätestens Mitte des 5. Jahrhunderts waren die Kelterhäuser größtenteils zerstört; in Erden hatte man die Pressen schon vorher verkleinert.

Was daraus folgt

Die Kelterhäuser stehen in den Steillagen. Das stellt für Gilles und Matheus — zumindest im Engtal der Mittelmosel — die verbreitete These in Frage, der Terrassen- und Steillagenweinbau sei erst im 11. und 12. Jahrhundert aufgekommen (S. 17, 507–508). Und es erklärt, so Gilles, warum gerade in Piesport, Brauneberg, Graach und Erden später so viel Klosterbesitz liegt: Die Domänen fielen im 5. Jahrhundert als Fiskalgut an die fränkischen Könige — und von ihnen an Bischöfe und Abteien.

02 — ArchäobotanikEine Rebe in Entwicklung

Was wuchs in diesen Weinbergen? Margarethe König hat die Erdproben aus Brauneberg und Piesport-Müstert geschlämmt. Der erste botanische Beleg überhaupt gelang 1987 an der Piesporter Kelter. In Müstert fanden sich in zwölf Proben 387 Traubenkerne, 158 davon vermessbar; eine einzige Fünf-Liter-Probe aus einem Pfostenloch enthielt fast dreihundert. Nach dem Verhältnis von Breite zu Länge gehören fünf Kerne zur Kulturform, zwei zur Wildform — und 151 zu Übergangsformen. König nennt das eine „Kulturrebe in Entwicklung“ (S. 71). Ob die Römer die Rebe mitbrachten oder aus der heimischen Wildrebe züchteten, hält sie für offen; Gilles, der auf Pollendiagramme mit Wildreben schon aus der Jungsteinzeit verweist (S. 17), meint, der Import aus dem Süden habe nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

Dafür spricht ein Experiment der Neuzeit: Im „Europa-Versuch“ der Trierer Landes-Lehr- und Versuchsanstalt brachten süd- und osteuropäische Sorten zwischen 1982 und 1988 an der Mosel in mehreren Fällen schon nach zwei Jahren kaum oder keinen Ertrag (S. 69). Und der Rotwein? In Brauneberg und Müstert lagen Kerne des Schwarzen Holunders, dessen Saft als Farbverbesserer diente; Farbreste an Steindenkmälern aus Mehring und Neumagen zeigen rote wie weiße Trauben. Gilles schließt daraus auf Rotwein neben vorherrschendem Weißwein; König bleibt vorsichtiger — Holunder sei „allenfalls ein Hinweis“.

03 — 5. bis 11. JahrhundertMosella Romana

Dass die Kelter eines Tages wieder lief, verdankt die Mosel den Leuten, die geblieben waren. Zwischen Saar, Ruwer und der Moselmündung, schreibt Matheus im Schlussbeitrag, hielt sich eine „Enklave einer romanisch geprägten und von den fränkischen Eroberern weitenteils übernommenen Winzersprache“ (S. 511). Die Kelter selbst trägt landschaftlich wechselnde lateinische Lehnnamen; der Flurname Schalaun kommt von scala und meint den Treppenwingert; die Gimme, die Fruchtknospe, von gemma. Dieses Wort fand der Sprachforscher Wolfgang Kleiber nur an zwei Stellen Europas: an der Mittelmosel und in Siebenbürgen. Matheus vermutet Moselwinzer unter den Auswanderern des 12. Jahrhunderts (S. 514–515).

Eine moselländische Eigenheit ist auch die Termzeile, die dicht gesetzte Reihe von Stöcken als Grenze zwischen zwei Parzellen — ein Zeichen für frühen Pfahlbau. Tret- und Presskelter stehen in Moselquellen des 13. und 14. Jahrhunderts genauso nebeneinander wie in Piesport im 4.; das Goldene Evangelienbuch von Echternach malt um 1030 eine Baumkelter. Vorsichtig bleibt Matheus an einer Stelle: Dass eine einzelne Kelteranlage über das 5. Jahrhundert hinaus ununterbrochen genutzt wurde, sei bisher nirgends nachgewiesen. Belegt ist das Nachleben der Plätze. In Piesport lagen ein merowingischer Spitzbecher und karolingische Keramik in der Ruine, in Erden Gräber des 7. Jahrhunderts im Schutt. Die Abtei Mettlach baute ihr Kelterhaus später in die römischen Mauern von Müstert; ähnlich steht es um den Josephshof bei Graach.

Fernbesitz: Verdun, Toul, Echternach, Köln

In dieser Zone ist der Fernbesitz geistlicher Herren „sehr früh und dicht“ nachzuweisen. König Childebert II. schenkte der Kirche von Verdun, als Bischof Agerich ihn zwischen 575 und 588 besuchte, Weinberge an der Mosel unterhalb Triers — bei Müden und in Duos Amandos, dem späteren Dusemond, das seit 1925 Brauneberg heißt. Noch 1047 zählte der Verduner Bischof Veldenz zu seinen wichtigsten Weinzehnten. Die Abtei St. Evre in Toul hielt „offenbar sehr alten“ Besitz bei Erden und Klüsserath und verkaufte ihn erst 1267. Echternach hatte seit dem frühen 8. Jahrhundert Weinberge in Trier, Klotten, Köwerich, Klüsserath, Kröv, Ediger, Lösnich, Rachtig, Ürzig und Zeltingen, mit Klosterhöfen und Keltern in Kröv, Ürzig, Trarbach, Kinheim, Rachtig und Kövenig. Und Zeltingen, Rachtig und Lösnich bildeten über Jahrhunderte eine kurkölnische Enklave mitten im Trierer Land — weshalb die Säkularisationsakten von 1803 dort ein kurkölnisches Kelterhaus verzeichnen (dazu mehr).

Gilles hat für jeden Fundplatz die erste Nennung eines Weinbergs zusammengestellt: Klotten 697/698, Piesport 776/777, Wehlen und Ürzig 874, Wintrich 966, Graach 1051, Neumagen 1052, Zeltingen 1056, Maring 1143, Erden 1177. Am Fuß der Wehlener Sonnenuhr, in der Flur „Brück“, liegen spätrömische Streufunde und merowingische Gräber; 1995 kamen in der Zeltinger Sonnenuhr spätrömische Scherben zutage; aus dem Ürziger Würzgarten sind römische Streufunde bekannt (S. 46–47).

04 — 900 bis 1350Trier baut aus

Für das hohe Mittelalter wechselt der Band von der Mittelmosel in die Stadt. Lukas Clemens zeigt Trier als Weinstadt: Seit dem 7. Jahrhundert stehen Reben im Südteil der antiken Stadt, 704 ist ein Weinberg infra muros genannt. Wie selbstverständlich der Weinhandel moselabwärts war, verrät eine Sage. Die Gesta Treverorum erzählen um 1100, die Trierer hätten einst eine unterirdische Weinleitung bis nach Köln gebaut und den Kölnern aus Freundschaft große Mengen Wein geschickt — eine Kölner Deutung der römischen Eifelwasserleitung, die den Handel der eigenen Zeit spiegelt. Das Koblenzer Zollregister aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts nennt Trierer Weinschiffe, ein Vertrag von 1149 regelt die Zölle der Trierer in Köln, Handelsgut: Wein und Honig. Und eine Tierfabel wohl der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, die Ecbasis captivi, rühmt die Trierer Weine in einem Vers, den Matheus an den Anfang des Bandes stellt:

Trevirici calices quos non fecere loquaces — wen haben Becher mit Trierer Wein nicht schon gesprächig gemacht!

Ecbasis captivi, 11. Jahrhundert — zitiert bei Michael Matheus, Einleitung, S. 5

Dieselben Gesta kennen eine Kriegslist, die nur in einer Weingegend funktioniert: Sicko, ein Gefolgsmann Erzbischof Poppos, schmuggelt Bewaffnete in dreißig Ohmfässern — etwa fünf Fuder — in die Burg seines Gegners.

Vom späten 12. bis ins frühe 14. Jahrhundert wurde gerodet und gepflanzt, begünstigt durch eine Warmphase von etwa 1220 bis nach 1300. 1217 überließ der Abt von St. Martin einen Waldhang am Olewiger Bach einer Gemeinschaft von Winzern; 1257 schloss er ein pactum mit cultores vinearum über acht „Pichter“ in Erbpacht. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts waren alle 130 Weinlagen bestockt, die im Mittelalter in der Trierer Talweite überhaupt genannt werden — die größte Ausdehnung, die das Tal je sah. Himmerod bekam zwischen 1200 und 1300 mindestens vierzig Parzellen um Trier geschenkt und unterhielt Bannkeltern in seinen Höfen.

Kelteranlagen in der Trierer Talweite (Clemens, S. 94)
ZeitraumAnlagengeistlichstädtische Familien, privat
12. Jahrhundert4——
13. Jahrhundert432914
1. Hälfte 14. Jahrhundert492224 und eine Gemeindekelter in Kürenz

Die Tabelle zeigt, wer aufholte: die Bürger. Der Schöffe Ordolf Scholer der Jüngere besaß über sechzig moselländische Morgen, etwa 21 Hektar, und erntete in gewöhnlichen Jahren ungefähr sechzig Fuder; der Schöffenmeister Johannes Praudom hielt einen großen Komplex in Filzen an der Saar und mindestens zwanzig Weinberge im Tal. Das Fassregister von 1452/53 erfasst 464 Haushalte, bei 349 lag Wein im Keller — von einem halben Ohm bis zu 68 Fudern. Die Winzer selbst, die Pächter, gehörten nach den Steuerlisten zur Unter- und unteren Mittelschicht und hatten keinen politischen Einfluss. 1526 nannte der Trierer Rat die Weinsteuern „das höchste einkommen dieser stat“.

05 — 1400 bis 1550Krise, Riesling, Bier

Die ältere Forschung sah im Spätmittelalter eine „Sonderkonjunktur der Rebe“. Westlich des Rheins, halten Clemens und Matheus dagegen, geschah das Gegenteil: wüste Weinberge, sinkende Pachtquoten, Obst- und Nussbäume, wo Stöcke gestanden hatten. Rund 260 Trierer Pachtverträge zeigen den Weg: Die Erbpacht weicht kürzeren Laufzeiten, die Halbpacht wird seit den 1420er Jahren in neuen Verträgen aufgegeben, die Drittelpacht setzt sich durch, die Viertelpacht kommt zögernd auf. Am 3. Dezember 1430 stellte das Domkapitel fünf Weinberge von der Hälfte auf ein Drittel um; am 12. November 1497 senkte Erzbischof Johann von Baden für den Neuberg auf ein Drittel für 25 Jahre und trug die Herbstkosten allein, weil, wie die Urkunde sagt, „dieselben lehenlude fast beswert und die wingarten vergangen sin“. In Olewig mussten Pächter fünfzig Nuss- und fünfzig Kirschbäume setzen, wo 1356 noch Reben gestanden hatten.

Das Wetter half nicht. Die Metzer Chronisten zählen zwischen 1423 und 1447 dreizehn katastrophale Weinjahre und keinen einzigen überdurchschnittlichen Herbst; erst zwischen 1470 und 1500 stehen elf geringen fünfzehn gute Jahre gegenüber. 1433 zerstörten Trierer Truppen in der Manderscheider Fehde die Vorstädte von St. Maximin und St. Matthias.

1464: fünfzehnhundert Rieslingreben

Die Antwort auf die Krise war nicht mehr Fläche, sondern besserer Wein auf kleinerer. Das Trierer St.-Jakobshospital — ein Vorgänger der Vereinigten Hospitien — kaufte 1464/65 insgesamt 1.500 Rieslingreben für einen Weinberg im Bereich der heutigen Deutschherrenstraße, teils von einem Einwohner aus Zewen; 1508/09 kaufte es noch einmal „roislynck reffen“.

Bei diesen Rechnungseinträgen handelt es sich um die ersten Nachweise der Rieslingrebe in der Moselregion, die dann im weiteren 16. Jahrhundert auch an der Mittelmosel und der Saar verbreitet ist.

Lukas Clemens, in: Matheus (Hrsg.), S. 102

Älter sind nur zwei Belege: 1435 Rüsselsheim und 1453 Diebach am Mittelrhein. Es folgen 1477 das Elsass und 1490 Worms. Auf dem Wormser Beleg beruhte die Sondermarke „500 Jahre Rieslinganbau“, die 1990 in dreißig Millionen Stück erschien — obwohl, wie Matheus trocken anmerkt, ältere Belege bekannt waren. Er warnt zugleich vor falscher Vertrautheit: Der Riesling des 15. Jahrhunderts sei mit dem heutigen Weißen Riesling „nicht identisch“, gehöre aber wohl in dessen Ahnenreihe (S. 503–504, 524).

Daneben stand der Rotwein. Beim Jakobshospital machte er im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts etwa ein Zehntel aus; die Stadt verschenkte ihn als Ehrenwein, die Vorlese begann ein bis drei Wochen vor der Weißweinlese. Die alte These Karl Lamprechts, vor dem 15. Jahrhundert habe es an der Mosel keinen Rotwein gegeben, überzeugt Matheus nicht.

Das Brauhaus im Weindepot

Und es kam das Bier. Nach einer katastrophalen Missernte begann Trier 1455 selbst zu brauen — ausgerechnet in der Mergenburg in der Brotgasse, dem städtischen Weindepot; seit den 1470er Jahren wuchs Hopfen im Stadtgraben. Luxemburg braute seit 1445, Koblenz seit 1488. 1491 verbot Erzbischof Johann von Baden das Brauen im ganzen Erzstift, allerdings wegen Dürre und Getreidemangels. Der Kölner Weinimport lag Anfang des 16. Jahrhunderts um mehr als vierzig Prozent unter dem der 1430er bis 1450er Jahre, und Trier hatte seine Rolle auf diesem Markt verloren: Als die Kölner Brüder Weinsberg 1547 an die Mosel fuhren, kauften sie gefeuerten Wein in Alken — nach Trier reisten sie nur zum Zeitvertreib.

06 — Vier SeitenblickeWittlich, Echternach, Luxemburg, Koblenz

Klaus Petry, S. 251–270

Wittlich

Um 1215 verzeichnet das erzbischöfliche Güterbuch: Aus der Lage „peetren“, dem Pichterberg, erhält der Erzbischof die Hälfte der Trauben, aus drei anderen Lagen nur ein Drittel des Weins — Petry liest das als frühe Abstufung nach Qualität. 952 erhielt ein Wydo mit seinen Genossen Land an der Lieser — wohl beim heutigen Dorf, fünf Kilometer östlich —, um Weinberge anzulegen; 1363 finanzierte eine Weinsteuer die Stadtmauer. Dann der Niedergang: 1718 gaben die Wittlicher an, aus 467.000 Rebstöcken nur etwa zehn Fuder zu ernten; die Weinberge seien „so schlecht, daß solche zu bauwen verdrießlich wären“.

Henri Trauffler, S. 225–249

Echternach

Ihre Moselweinberge verpachtete die Abtei im 13. Jahrhundert durchweg zur Hälfte, im 14. mehrfach zum Drittel. Ein Trarbacher Vertrag von 1250 verlangt den Bau einer Kammer mit Ofen. Abt Wynand gab in den 1440er Jahren jährlich 47 Gulden für Fässer, 66 für die Lese und 26 für den Transport aus; das Fuder kostete 1446 zwölf bis sechzehn Gulden. Als 1444 die Stadt brannte, bekamen die Löschenden sieben Fuder Moselwein. Moselwein durfte in Echternach erst gezapft werden, wenn der eigene Sauerwein verkauft war.

Michel Pauly, S. 199–224

Luxemburg

52 Steuerbücher von 1443 bis 1500, 4.841 Einträge, 831 Bürger: Jeder fünfte Haushalt war am Weingeschäft beteiligt. Im Schnitt kamen rund 677 Fuder im Jahr in die Stadt — rechnerisch 0,7 Liter je Kopf und Tag —, nach den Namen der Verkäufer zu schließen vor allem von Mosel und Sauer. In Luxemburg selbst wuchs wohl kein Wein.

Klaus van Eickels, S. 293–303 · Dieter Kerber, S. 271–292

Koblenz und der Deutsche Orden

Die Koblenzer Kommende verkaufte ihren Wein selbst in Köln, Flandern und Brabant. 1224 erhielt sie Zollfreiheit für jährlich ein Schiff mit hundert Fässern — das Fass zu zwölf Ohm, rund 1.620 Liter. Im Herbst 1272 verschifften die Kommenden Koblenz und Ramersdorf zusammen dreihundert Fässer, etwa 4.860 Hektoliter. 1298 verkaufte Graf Guido von Flandern dem Orden Land für 2.073 Pfund — 2.029 davon erhielt er in Gestalt der Schuldbriefe zurück, die er den Brüdern für gekauften Wein ausgestellt hatte. Nach einer unsicher überlieferten Angabe zählte Koblenz 1366 658 Familien, darunter 247 Handwerkerfamilien; die stärkste Gruppe unter ihnen waren mit 97 Familien die Wingertsleute.

NachweiseQuellen dieser Seite

  • Michael Matheus (Hrsg.), Weinbau zwischen Maas und Rhein in der Antike und im Mittelalter (Trierer Historische Forschungen 23), Mainz: Philipp von Zabern 1997, 542 S. — hervorgegangen aus einem Kolloquium an der Universität Trier, 2.–5. September 1992.
  • Daraus: Karl-Josef Gilles, Der moselländische Weinbau zur Römerzeit (S. 7–51) · Margarethe König, Pflanzenfunde aus den römerzeitlichen Kelteranlagen in Brauneberg und Piesport-Müstert (S. 53–84) · Lukas Clemens, Weinwirtschaft im hohen und späten Mittelalter: Das Beispiel Trier (S. 85–106) · Frank G. Hirschmann zu Verdun (S. 107–138) · Gerold Bönnen zu Toul (S. 139–170) · Michel Pauly zu Luxemburg (S. 199–224) · Henri Trauffler zu Echternach (S. 225–249) · Klaus Petry zu Wittlich (S. 251–270) · Dieter Kerber zu Koblenz (S. 271–292) · Klaus van Eickels zum Deutschen Orden (S. 293–303) · Michael Matheus, Grundlagen, Konstanten und Wandlungen (S. 503–532).
  • Seitenangaben nach der Buchpaginierung. Karten, Abbildungen und die Messtabellen Königs sind hier nicht ausgewertet.