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Die Wehlener Sonnenuhr im Hang
Thema 04 / 06 — Einzellagen

DiegroßenLagen

Doctor, Sonnenuhr, Prälat, Scharzhofberg, Abtsberg, Uhlen: die Namen, die den Ruf der Mosel tragen — von der preußischen Klassifikation 1868 bis zur VDP-Karte von 2002.

Lagennamen sind die älteste Qualitätssprache des deutschen Weins — Koch benutzte sie 1897 bereits so selbstverständlich wie ein heutiger Katalog. Die Mosel kennt rund 500 Einzellagen, eine Zahl, die das Weingesetz von 1971 noch vermehrte. Die preußische Klassifikation von 1868 (letzte Fassung 1905) und die VDP-Karte von 2002 haben das Feld geordnet: Alle hier aufgeführten Lagen sind Große Lage oder Erste Lage, wo nicht anders vermerkt.

01 — BlauschieferMittelmosel

Bernkasteler Doctor

3,26 ha · Südwesthang · 65° · Blauschiefer

Der berühmteste Weinberg Deutschlands, direkt über der Altstadt von Bernkastel — auf 50 Grad nördlicher Breite die nördlichste Top-Weinlage Europas. Der Name geht der Sage nach auf das Jahr 1360 zurück: Der schwerkranke Trierer Erzbischof Boemund II. soll sich am Wein dieses Berges gesund getrunken haben. Koch setzte 1897 die Pointe trocken dahinter: Der Doktorwein müsse auch dem genesenen Boemund gemundet haben — er ließ sich, als er später sein Amt niederlegte, vorsichtshalber von seinem Nachfolger die weitere Belieferung zusichern. Drei Familien teilen den Hang historisch: Wegeler, Thanisch, Wwe. Dr. H. Thanisch; Markus Molitor und Dr. Loosen haben kleinere Anteile. Ein GG kostet 80–150 Euro, eine Auslese mehrere hundert.

Wer kennt nicht die Sage vom schwerkranken Erzbischof von Trier, Boemund II., der sich gesund trank am Doktorwein! Der Name Doktor aber blieb dem Berg und Wein bis heute.

Karl Heinrich Koch, Moselwein, 1897, S. 35

Wehlener Sonnenuhr

ca. 40 ha · Südhang · 60° · Blauschiefer

Die Wehlener Sonnenuhr im Schieferfels
Die Sonnenuhr1842 von Jodocus Prüm in den Fels gesetzt — weithin sichtbar vom anderen Ufer.

Namensgeberin ist die 1842 von Jodocus Prüm in den Schieferfels gesetzte Sonnenuhr, sichtbar von der gegenüberliegenden Moselseite (mehr auf jodocus.de). Die Sonnenuhr ist eine der dichtesten Einzellagen der Mosel — nahezu alle Spitzenwinzer der Mittelmosel haben hier Anteile: Joh. Jos. Prüm, S. A. Prüm, Markus Molitor, Dr. Loosen, Selbach-Oster, Studert-Prüm, Weins-Prüm, Kerpen. Pigott beschreibt den Typus: Blüten, frische Pfirsiche, exotisches Obst, rassige, hochelegante Säure. Während des 20. Jahrhunderts wurde lange gestritten, ob die Rieslinge aus der Sonnenuhr oder aus dem Doctor die feinsten seien; der Stern der Sonnenuhr stieg in der englischsprachigen Welt stetig, während der des Doctors wegen unbeständiger Abfüllungen schubweise abrutschte. Die Prüm-Spätlesen und -Auslesen vom Sonnenuhr-Hang altern in großen Jahrgängen (1990, 1997, 2005, 2018) über Jahrzehnte.

Erdener Prälat

1,4 ha · Südhang · Vulkanit / rotes Rotliegendes

Die kleinste Top-Lage der Mosel. Felsfußhang, dahinter die Wand. Geologisch eine Sensation: rotes vulkanisches Gestein im Devon-Schiefermeer, mit dem Ergebnis der konzentriertesten, tiefsten Auslesen und Beerenauslesen der Region. Mönchhof, Dr. Loosen, Markus Molitor, JJ Christoffel. Hier und im Würzgarten überlebt Loosens radikaler Stil der ersten Jahre — Spontangärung, extreme Selektion — in den Auslesen.

Ürziger Würzgarten

ca. 60 ha · Südhang · roter Schiefer und Vulkanit

Die wärmste, fruchtigste Mittelmosel-Lage. Aprikose, Mandarine, Curry, Lebkuchen — die Aromen unterscheiden sich deutlich vom Blauschiefer-Stil. Mönchhof, JJ Christoffel, Markus Molitor, Schmitges, Robert Weil-Erben.

Brauneberger Juffer-Sonnenuhr

ca. 10 ha · Südhang · Blauschiefer

Die Spitze des Brauneberger Juffer-Hangs — südwestexponiert, mit besonders sonnenfangender Krümmung. Napoleon soll den Hang den wertvollsten seiner Weinberge genannt haben; Koch führte Brauneberg 1897 „unmittelbar gegenüber Mülheim“ unter den ersten Qualitäten. Fritz Haag (Wilhelm, jetzt Oliver Haag), Schloss Lieser, Paulinshof, Bastgen.

Piesporter Goldtröpfchen

ca. 100 ha · Süd-/Südosthang · Blauschiefer

Größte der Top-Lagen, in einer mehrgliedrigen Moselschleife mit hervorragender Südexposition. Der Name Piesport hatte im 19. Jahrhundert allen anderen Moselnamen den Rang abgelaufen — erst als Herkunft des „Kutschers“, dann als Rekordpreis der Trierer Versteigerung 1895. Pigott: „Der Duft des Goldtröpfchens ist ein barocker Früchtekorb, dessen Inhalt von Pfirsich bis zu schwarzen Johannisbeeren reicht, über Grapefruit und Maracuja.“ Reinhold Haart, Julian Haart, Sankt Urbans-Hof, Grans-Fassian.

Weitere Große Lagen der Mittelmosel

Graacher Domprobst und Graacher Himmelreich (tiefe graue Schieferböden, durch Ort und Uferwiesen vom Fluss getrennt — fester, kerniger als Wehlen), Zeltinger Sonnenuhr und Zeltinger Schlossberg (bei Koch erste Qualität), Erdener Treppchen, Trittenheimer Apotheke, Bernkasteler Lay, Lieserer Niederberg-Helden. Zu Kochs Namenregister der Strecke gehören außerdem Neumagener, Throner, Minheimer und Ohligsberger — die Dichte der Liste ist selbst ein Befund: ein Markt, der 1897 bereits nach Einzellagen fragte.

02 — GrauschieferSaar

Scharzhofberg (Wiltingen)

ca. 28 ha · Südhang · grauer Schiefer mit tonigen Einschlüssen

Die wichtigste Lage der Saar — und nach mancher Ansicht die wichtigste Riesling-Lage der Welt. Koch nannte den Scharzhofberg 1897 in seiner Liste der ersten Qualitäten an erster Stelle (und unterschied ihn vom Scharzberg); die preußische Klassifikation führte ihn in der höchsten Klasse; der Scharzhof selbst geht auf altes Stiftsgut zurück, 1797 von Jean-Jacques Koch erworben. Egon Müllers Trockenbeerenauslesen sind die teuersten Weißweine der Welt: 3220 Mark je Flasche 1995, 12.000 Euro 2015. Weitere Anteile: Van Volxem, Karthäuserhof, Bischöfliche Weingüter Trier, Reichsgraf von Kesselstatt, Joh. Jos. Prüm.

Kanzemer Altenberg

ca. 7 ha · Südhang · grauer Schiefer

Klein, intensiv mineralisch. Heute weitgehend von Van Volxem bewirtschaftet, mit Anteilen von Reichsgraf von Kesselstatt. Van Volxems trockene Altenberg-Rieslinge gehören zu den charaktervollsten Saar-Weinen.

Saarburger Rausch

ca. 25 ha · Südhang · grauer Schiefer

Einer der wärmeren Saar-Hänge. Geltz-Zilliken mit klassisch edelsüßen Spätlesen, Auslesen und Eisweinen — und dem neun Meter tiefen Keller, in dem Pigott den Unterschied zwischen Prädikat und Typus vorgeführt bekam.

Ockfener Bockstein, Geisberg, Ayler Kupp, Wiltinger Braune Kupp, Gottesfuß, Agritiusberg

Weitere Saar-Top-Lagen: harte Mineralität, kühle Säure, hohe Reifefähigkeit. Bockstein und Geisberg standen bei Koch unter den ersten Qualitäten; der Agritiusberg trägt den Namen eines Trierer Bischofs des 4. Jahrhunderts. Am Ayler Kupp wirkt Peter Lauer.

03 — GrauschieferRuwer

Maximin Grünhäuser Abtsberg

ca. 16 ha · Südhang · grauer Schiefer

Die berühmteste Ruwer-Lage, allein im Besitz von Maximin Grünhaus (Familie von Schubert). Seit dem Mittelalter dem Abt der Reichsabtei St. Maximin vorbehalten; die Herkunft des Guts reicht ins Jahr 966. Trockene Große Gewächse, fruchtsüße Kabinette, edelsüße Spätlesen — zu den langlebigsten Mosel-Weinen. Daneben Herrenberg (für die Mönche; bei Koch seit 1893 erste Qualität) und Bruderberg (für die Laienbrüder).

Karthäuserhofberg (Trier-Eitelsbach)

ca. 19 ha · Südhang · grauer Schiefer

Monolithischer Hang, fast ausschließlich vom Karthäuserhof bewirtschaftet — gegründet 1335 vom Karthäuserkloster St. Alban. Reich an Mineralität, säurebetont, lang.

Kaseler Nies’chen

Bei Loeb und Prittie eine der wichtigsten Lagen des Tals; nur die Steilheit hat sie davor bewahrt, Bauland zu werden. Reichsgraf von Kesselstatt.

04 — QuarzitTerrassenmosel

Winninger Uhlen

ca. 60 ha · Süd-/Südwesthang · Devonschiefer mit Quarzit

Die einzige Mosel-Lage, die nach Quarzitadern in drei Untereinheiten gegliedert wird — das System Heymann-Löwenstein, inzwischen auch VDP-amtlich anerkannt: Laubach (mineralisch, eher kühl), Roth Lay (rotes, eisenhaltiges Quarzitgestein, warm-fruchtig), Blaufüsser Lay (dunkles Quarzit, am salzigsten). 1987 belegte die 1985er Uhlen Spätlese trocken Platz eins der großen Blindprobe. Heymann-Löwenstein, Knebel, Kröber.

Pündericher Marienburg

ca. 25 ha · Süd-/Südosthang · Schiefer mit Quarzitbändern

Großer, vielgliedriger Hang, von Clemens Busch in fünf Parzellen gegliedert: Falkenlay, Fahrlay, Rothenpfad, Felsterrasse, Marienburg gut Oberhof. Pionier-Lage des biodynamischen Mosel-Weinbaus.

Bremmer Calmont

ca. 23 ha · Südwesthang · bis 65° · Schiefer und Grauwacke

Der steilste Weinberg Europas. Die Felshänge sind kaum als Weinberg zu erkennen — Reben wachsen in winzigen Terrassen, manche Trockenmauern knapp einen Meter hoch. Die Bewirtschaftung erfolgt von Hand und per Monorackbahn; eine Helferin schafft oft nur 200–300 Kilogramm Trauben am Tag. Im „Fachkaul“ hat Ulrich Franzen aus 130 Parzellen anderthalb Hektar zurückgewonnen. Calmont-Rieslinge sind selten, meist sehr trocken, salzig-rauchig. Franzen, Stein, Walter J. Oster, Heymann-Löwenstein.

05Klassifikationen

Wer Mosel-Lagen sammeln möchte, orientiert sich am besten an der VDP-Karte. Große Lage ist die höchste Stufe, vergleichbar mit Grand Cru; Erste Lage entspricht etwa Premier Cru. Ein „GG“ auf dem Etikett bedeutet trockener Ausbau von einer Großen Lage; restsüße Weine aus Großen Lagen tragen die klassischen Prädikate. Die Karte von 2002 kehrte bewusst zu den preußischen Klassifikationen von 1868 und 1905 zurück — jenen Karten, die auch Kochs Liste der „ersten Qualitäten“ von 1897 spiegelt.

JahrOrdnungWas sie leistete
1868Preußische LagenklassifikationZehn Klassen; Doctor, Sonnenuhr, Juffer, Scharzhofberg in der Spitze. Letzte Fassung 1905, mit Lagen bis Kleinblittersdorf bei Saarbrücken.
1897Kochs „erste Qualitäten“Scharzhofberg, Bockstein, Geisberg, Agritiusberg, Rosenberg, Raul; Grünhäuser Herrenberg (seit 1893); Piesport, Brauneberg, Bernkastel, Josefshof, Zeltinger Schlossberg.
1971Deutsches WeingesetzNeuordnung von Lagenrecht und Prädikaten; Großlagen wie „Bernkasteler Kurfürstlay“ und „Badstube“ — Letztere kleiner als viele Einzellagen.
2002VDP-KlassifikationGutswein, Ortswein, Erste Lage, Große Lage; GG für trockene Weine aus Großen Lagen.