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Wehlen: Kirche, Brücke, Hang
Vertiefung — 1035 bis 1802

Stift,Stadt,Wallfahrt

Wie ein Trierer Stift achthundert Jahre von Moselwein lebte, wie Bernkastel Stadt wurde und der Wein dort die eigentliche Währung war — und warum die Winzerdörfer nach Klausen zogen.

Die Geschichte des Moselweins vor 1800 ist zu großen Teilen Verwaltungsgeschichte: Wer besaß welchen Hang, wer kelterte wo, wer bekam die Hälfte und wer das Drittel? Drei Bände der Bibliothek geben darauf genaue Antworten aus drei Blickwinkeln — ein Trierer Stift, das seinen Wein acht Jahrhunderte lang aus vierzehn Moseldörfern bezog; eine kleine Stadt, in der vier von fünf Einwohnern Winzer waren; und ein Wallfahrtsort auf der Höhe über Piesport, zu dem die Dörfer des Tals bis heute ziehen.

01 — 1035 bis 1802Das Stift in der Porta Nigra

Simeon, um 990 in Syrakus geboren, Pilgerführer in Jerusalem, Mönch in Bethlehem und am Sinai, kam 1027 nach Trier, begleitete Erzbischof Poppo auf dessen Fahrt ins Heilige Land und ließ sich um 1030 im Ostturm des römischen Nordtors als Einsiedler einschließen. Er starb am 1. Juni 1035 und wurde noch an Weihnachten desselben Jahres heiliggesprochen. Poppo baute zwei Kirchen übereinander in das Tor und gründete daneben ein Kanonikerstift. Das Erdgeschoss des Westturms, heute der Eingang zur Porta Nigra, wäre nach Franz-Josef Heyen „als idealer kühler Lagerraum — z. B. auch für Weine“ geeignet gewesen; ob es so genutzt wurde, weiß man nicht.

Heyens Band in der Reihe Germania Sacra, über tausend Seiten stark, verzeichnet den Besitz des Stifts Ort für Ort. Schon das Gründungsgut war eine überlegte Mischung: Äcker mit Wald, Geld aus dem Koblenzer Zoll — und Wein aus Hönningen am Rhein und Neumagen an der Mosel. Eine Güterliste von 1098 nennt 58 Orte, an der Mittelmosel moselaufwärts Enkirch, Traben, Kröv, Graach, Bernkastel, Lieser, Kesten, Wintrich, Minheim, Müstert, Niederemmel, Piesport, Neumagen und Leiwen.

Das gilt namentlich für den Besitz in den 14 Dörfern der Mittelmosel von Enkirch bis Leiwen, wobei es sich offensichtlich nur in wenigen Fällen um Weingüter handelt, sondern meist um einzelne Weinberge.

Franz-Josef Heyen, Das Stift St. Simeon in Trier, S. 608

Die Dörfer sind nicht deshalb so genau aufgezählt, weil man die Lagen schätzte, sondern weil Streubesitz einzeln genannt werden muss. Er stammte nicht vom Erzbischof, sondern aus kleinen Stiftungen von Ministerialen und Kanonikern und aus Gelegenheitskäufen — ein Bezelin gibt 1152 Weinberge in Noviand, Maring und Lieser und behält sich zwei Ohm Wein auf Lebenszeit vor; eine Lifmud schenkt 1172 einen Weinberg samt Haus mit zwei Keltern und bekommt dafür eine Pfründe.

Höfe, damit die Kelter näher liegt

Aus dem Streubesitz machte das Stift nachträglich Verwaltungseinheiten. Seit dem 14. Jahrhundert, schreibt Heyen, bestanden in den meisten Orten eigene Hofhäuser, „was an der Mosel wohl auch darin begründet war, näher gelegene Kelteranlagen zu haben“ (S. 663).

vor 1179 · 1460 · 1594

Graach

Der Kustos Warner stiftete Geld, mit dem das Kapitel in Graach Weinberge kaufte und ein Hofhaus baute; von dort aus wurden Bernkastel und Kues, vielleicht auch Wehlen und Zeltingen verwaltet. Um 1211 ließ der Erzbischof durch Befragung von Bauern und Nachbarn feststellen, dass die Stiftsgüter in Graach, Bernkastel, Kues, Lieser und Kesten frei von Vogtabgaben seien; der Lehnsträger des Vogts, Werner von Hunolstein, verzichtete erst 1225. Der Hof lag nahe der Kirche und war verpachtet; das Kapitel hatte Herbergs- und Kelterrecht und durfte seinen Wein dort lagern (1460). 1698 trat es einen Teil des Hofs für den Friedhof ab.

S. 662–663
1155 · 1490

Kues

Weinberge und ein Allod, das einem Luzo gehört hatte (allodium quod fuit Luzonis). 1490 kaufte das Stift ein Kelterhaus und stellte einen Hofmann an, der die Weinzinsen einsammelte und Unterkunft stellte. Register der Weinzinsen sind für 1588, 1658 und — mit Lücken — 1761 bis 1788 erhalten.

S. 683
seit 1378

Lieser

Ein Hofgut mit umfangreichem Weinbergsbesitz, „darunter auch Parzellen in der Spitzenlage des Braunebergs“, gegen ein Drittel des Ertrags ausgegeben. 1569 zählte man 48 Parzellen.

S. 686–687
1098 · 1614

Enkirch

Das große Weingut des Stifts: 1614 bewirtschafteten 61 „Gehöfer“ 96 Lehngüter gegen die Hälfte oder ein Drittel. Jedes Jahr hielt das Kapitel ein Baugeding, bei dem Mistung und Zustand der Weinberge geprüft wurden.

S. 658–659
1578 · 1771

Pünderich

1578 tauschte das Stift die Güter der Abtei Mettlach ein. Ein „Weingut in der üblichen Form mit Hof, Anteil- und Zinsgütern“ — 1771/72 rund 20.000 Stock Teil-Weinberge.

S. 698
1187 · um 1320

Lehmen

An der Untermosel gab der Propst 1187 einen Berg zur Anlage eines Weinbergs frei. Um 1320 saßen neun Lehnleute auf dem Gut, jeder gab die Hälfte; 1336 durften sie im Bannforst Weinbergspfähle schlagen, aber nicht roden. Ein Fuder Wein jährlich stand als Lehen den Herren von Kesselstatt zu — 1482 löste das Kapitel es für 130 Gulden ab.

S. 684–686
1235 · 1726

Müstert und Piesport

Von einem kleinen Hof in Müstert aus wurden die Weinberge in Minheim, Niederemmel, Piesport, Reinsport und Ferres verwaltet. 1235 ist ein neu angelegter Weinberg zur Hälfte verpachtet. Der Ertrag 1726: rund drei Fuder.

S. 660, 692
9. Mai 1525

Leiwen

Mitten im Bauernkrieg verkaufte Erzbischof Richard dem Stift für 2.000 Gulden auf Rückkauf den Wein- und Fruchtzehnten zu Leiwen — er brauchte Geld für Truppen. 1539 kaufte er ihn zurück.

S. 279, 686

In Wehlen besaß St. Simeon nichts als ein paar Renten, gekauft zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert und wohl von Graach oder Kues aus erhoben. In Trittenheim erwarb es 1617 für 4.000 Gulden eine Rente aus den Gefällen des Wild- und Rheingrafen — und prozessierte von 1627 bis 1669 darum, weil die Gefälle nicht reichten. An der Saar verzeichnet Heyens Ortsliste nur Renten und Zinsen, an der Ruwer Streubesitz: in Kasel einen Weinberg aus einer Stiftung des frühen 13. Jahrhunderts, in Mertesdorf 1720 rund 1.200 Stöcke.

Hälfte, Drittel, Viertel

Die Weinberge waren überwiegend in Teilpacht ausgegeben — und die Quote war keine Tradition, sondern Verhandlungssache. In Noviand setzten die Pächter eines Weinbergs 1370 durch, dass sie statt der Hälfte nur noch ein Drittel abgaben; in Olkenbach galt ein Viertel, dafür mussten die Höfer im 16. Jahrhundert „Weinfahrten“ leisten.

Aber selbst eine das Ernte-Risiko mittragende Ertragsanteil-Pacht blieb den Bedingungen des Marktes unterworfen und war insoweit lediglich eine Verhandlungsbasis.

Franz-Josef Heyen, Das Stift St. Simeon in Trier, S. 612

Weinresidenz und Kellerei

Wie kam der Wein zu den Stiftsherren? Ein Statut von 1319 regelt es: Anspruch auf seinen Weinanteil hatte, wer vom Andreastag, dem 30. November, bis Lichtmess am 2. Februar in Trier anwesend war. Die „Weinresidenz“, rechnet Heyen nach, dauerte also „nur etwa neun Wochen in den Wintermonaten Dezember und Januar“ (S. 336) — danach konnte ein Kanoniker reisen, ohne seinen Wein zu verlieren. Der Kustos bekam 1223 zwei kleine Weinberge und musste dafür in der Weihnachtsnacht einen Umtrunk ausrichten.

Bis 1443 wirtschaftete jeder Kanoniker mit seiner eigenen Pfründe. Dann zog eine Reform die Güter in der Kellerei zusammen, die fortan die Herbstkosten trug, den Wein nach Trier schaffte und ihn mitsamt den Zehnten in natura verteilte; in den Rechnungen des 16. Jahrhunderts sind die Fasszeichen eingetragen. Nur Hönningen am Rhein, ein Gut mit reichen Einkünften, machte eine Ausnahme: Wegen der Transportkosten fuhr seit Mitte des 16. Jahrhunderts ein Kanoniker als respector vindemiae zum Herbst hin und verkaufte an Ort und Stelle — 1746 waren das 119 Ohm Rotwein und 14 Ohm Weißwein.

1590–1599
242 Fuder Wein in zehn Jahren, im Mittel 24 je Jahrkurfürstliche Erhebung, Heyen S. 617–618
Etat der Kellerei 1802
35 Fuder im Zehnjahresmittelzu 60 Talern das Fuder = 2.112 Taler von 4.838 Talern Einnahme der Kellerei; Kosten der Weinlese 153 Taler (S. 637–638)
Herkunft 1802
Riol, Leiwen, Müstert, Noviand, Lieser, Kues, Graach, Olkenbach, Enkirch, Pünderich, Eller, Burgen, Lehmen, Euren, IgelS. 637
je Pfründe
683 Francs im JahrÜberschuss 10.926 Francs auf 16 Kapitulare

Mehr als zwei Fünftel der Kellerei-Einnahmen kamen also noch 1802 aus Wein. Die Kellereirechnungen setzen 1444/45 ein und reichen bis 1801/02 — mit großen Lücken, von 357 Jahrgängen fehlen 203. Eine umfassende Auswertung der Rechnungen des Stifts, schreibt Heyen, sei nicht versucht worden; sie wäre „eine wirtschaftsgeschichtlich lohnende Aufgabe“ (S. 612, 635).

10. August 1802

Am 9. August 1794 besetzten die Franzosen Trier. Die Kanoniker flohen, kamen 1795 meist zurück und fanden, wie sie später klagten, weder Barschaft noch Naturalien vor und beklagten den Verlust „aller Mobilien und Weine der emigrierten Stiftsmitglieder“. Das Stift bestand noch acht Jahre. Dann kam der Kommissar Saal, selbst ein ehemaliger Kanoniker, und schloss es — nach einem dreißig Jahre später aufgezeichneten Bericht während der Vesper.

Sogleich mußte man im Thurm die Glockenseile hinauf ziehen. Und da hat man noch zum Beschluße mit weinenden Augen eine Vesper gesungen.

Franz Tobias Müller über den 10. August 1802 — zitiert bei Heyen, S. 298

Was aus den Weinhöfen wurde, erzählt Heyen ausdrücklich nicht; er verweist auf die Akten der Versteigerungen. Dort findet man sie wieder: am 3. November 1803 5.924 Weinstöcke des Simeonstifts in Bernkastel, am 6. Dezember ein Haus mit Kelter und Weinberg in Kues, am 2. Mai 1804 eine Hausruine mit 4.713 Stöcken in Graach — auf der Seite zur Säkularisation.

02 — 1277 bis 1794Bernkastel: eine Stadt aus Wein

Auf dem Burgberg über Bernkastel lag im 4. und 5. Jahrhundert eine römische Militärstation, 125 Meter über dem Tal, eine von fünfzehn zwischen Trier und Koblenz; in den Weinbergen am Hang liest man bis heute römische Ziegel und Scherben auf. Der Geograph von Ravenna nennt den Ort Princastellum. Die Stadt des Mittelalters ist eine Gründung der Trierer Erzbischöfe: 1277 baute Heinrich von Finstingen die Burg neu, die später Landshut hieß, 1280 kaufte er dem Grafen von Salm alle Rechte ab, und am 29. Mai 1291 verlieh König Rudolf von Habsburg in Frankfurt auf Bitten Erzbischof Boemunds I. sechs Orten des Erzstifts Stadtrecht — Bernkastel, Saarburg, Welschbillig, Wittlich, Mayen und Montabaur.

Dass es dabei von Anfang an um Wein ging, zeigt eine Quittung vom 11. Mai 1284: Zwei Ritter bestätigen eine Entschädigung dafür, dass der neue Burggraben mitten durch ihren Weinberg geführt worden war. Der Erzbischof war selbst der größte Winzer am Ort.

Bereits 1313 wird ein Kelterhaus des Erzbischofs Balduin erwähnt, hatte dieser doch schon 1315 Weinwachstum zu Bernkastel „dat heißt bischdom“.

Richard Laufner, in: Bernkastel-Kues in Geschichte und Gegenwart, 1991, S. 61

Vierhundert Jahre später hieß der Tag, an dem als erste die Trauben des Erzbischofs gelesen wurden, noch immer „Bischtumb Tag“ — so 1718 in der Chronik des Stephan Wiltges. Und als die Stadt Geld für ihre Mauern brauchte, bewilligte ihr Erzbischof Jakob von Sierck am 14. Januar 1451 für sechs Jahre eine Abgabe auf den Wein.

83,5 Prozent Winzer

Nach der Steuerliste von 1624 waren 83,5 Prozent der rund tausend Einwohner Winzer, 78 Prozent Hauseigentümer (Freckmann, S. 173). Unter den 189 Besteuerten zählt Laufner 127 Handwerker, darunter sechs Fassbinder, vier Schiffer und einen „Lielmacher“, der die Lesekörbe flocht; die älteste erhaltene Zunftordnung der Stadt, von 1546, ist die der Fassbinder. Als 1711 dreizehn Bürger gegen den Plan einer Krämerzunft Einspruch erhoben, der keine Handwerker angehören sollten, begründeten sie es so: Das Handwerk sei überbesetzt, und ohne Nebenerwerb durch Weinbau oder Handel könne sich kein Handwerker ernähren. Die Landvermessung von 1719 bis 1721 zählte 887.000 Weinstöcke in Bernkasteler Bürgerhand.

Klaus Freckmann hat das Bernkasteler Schöffenbuch, das 1526 beginnt, als Preisquelle gelesen — und nennt den Wein „die eigentliche Währung an der Mosel“. Das 16. Jahrhundert hatte 47 schlechte Weinjahre; die steigenden Preise trugen, so vermutet er, die Bauwelle der Jahre 1581 bis 1620, der die Stadt ihr Fachwerk verdankt.

Preise in Bernkastel nach dem Schöffenbuch (Freckmann, S. 180–182) — ein Pferd kostete etwa 10 Reichstaler
JahrGegenstandPreis
1682ein Kelterhaus231 Gulden
1682216, 300 und 454 Weinstöcke in drei Lagen37,5 · 75 · 135 Gulden
1694100 Stock in guter und in minderer Parzelle81 · 7 Gulden
1694ein Ohm Wein10 Reichstaler
1712erFuder Hospitalwein, Durchschnitt aus sechs Fässern106 Reichstaler
1725Fuder im Durchschnitt73,2 Reichstaler
1737 / 1738Fuder53–63 / 89–113 Reichstaler
1759Fuder114 Reichstaler

Zwischen der guten und der minderen Parzelle lag 1694 also das Zwölffache — eine Lagenklassifikation in Gulden, lange vor der preußischen. In der ersten von vier Klassen lieferten 3.000 bis 4.000 Stöcke nicht mehr als ein Fuder; der mittlere Besitz lag kaum über 5.000 Stock, verteilt auf oft mehr als zwanzig Parzellen.

„Pures Bernkasteler Wachstum“

Verkauft wurde nach Köln und weiter in die Niederlande; 1686 gingen etwa sechzig Fuhren Wein auf dem Schiff nach Köln, 1746 bot ein niederländischer Kaufmann auf den Wein des Heilig-Geist-Hospitals mit, das um 1718 selbst 11.686 Stöcke besaß. Den Namen schützte die Stadt mit Einfuhrverboten. Am 10. Oktober 1680 versagte das Gericht dem Vater des Juden Abraham trotz vorgelegten Erlaubnisscheins die Einfuhr einer Zulast Wein, weil er noch etliche Fuder im Keller liegen habe und fremder Wein verboten sei, „damit die Kaufleut unverfälscht, unvermengt und eines puren Bernkasteler Wachstums versichert seien“. 1765 traf es das Kloster Klausen, das seinen Graacher Wein nicht nach Bernkastel einführen durfte — damit nicht, so der Rat, „das ansonsten berühmte Bernkasteler Wachstum einigermaßen in Mißruhm geraten möge“.

Auch die Kirche rechnete in Fudern. Nach der Visitation von 1569 bezog der Pleban aus selbst gebauten Weinbergen durchschnittlich drei Fuder; eine Verordnung von 1575 setzte ihm vier Fuder Wein, dreißig Malter Korn und dreißig Gulden aus, jedem der drei Vikare drei Fuder. Pfarrer von Bernkastel war von 1437 bis 1441 Nikolaus von Kues gewesen; 1456 gab er die Pfarrei an seinen Neffen Simon von Wehlen weiter, und 1533 wurde sie dem Hospital einverleibt, das er am 3. Dezember 1458 am anderen Ufer gestiftet hatte. Seitdem fiel dem St.-Nikolaus-Hospital ein Drittel des Zehnten zu, auch aus den „Weinorten Graach und Wehlen“.

Der Doctor

Die Sage vom Erzbischof Boemund, der sich am Bernkasteler Wein gesund trank, erzählt auch die Festschrift — ohne Urkunde. Belegt ist der Besitz: Der Doktorberg gehörte vor der französischen Zeit den Grafen von der Leyen, deren Haus in der Hebegasse von 1679 heute die Doktorweinstube ist. „1804 kaufte Anton Cetto den gesamten Doktorberg mit 10099 Weinstöcken“ (Erwin Schaaf, S. 260). Wie es weiterging, steht bei den Lagen.

Den Dreißigjährigen Krieg, die Pest von 1627, die Schleifung der Mauern 1689 und den Brand der Burg 1692 überstand die Stadt mit Schulden — 30.000, später 38.000 Reichstaler. 1784 zählte sie 1.112 Einwohner, neun Fassbinder, „von denen ein Drittel arm sei“, und elf Schiffer. Zehn Jahre später kamen die Franzosen.

Bernkastel und die Mosel, Fotografie um 1870
Bernkastel um 1870Noch ohne Brücke: Sie wurde am 18. und 19. November 1874 eingeweiht, die Bahn von Wengerohr am 1. Juni 1883 eröffnet.

03 — 1440 bis heuteKlausen: die Wallfahrt der Winzer

Auf der Höhe zwischen Piesport und Wittlich stellte um 1440 ein Mann namens Eberhard ein Marienbild in einen Bildstock. Die Festschrift von 2003 beschreibt ihn so:

Eberhard war ursprünglich Bauer und Winzer, besaß jedoch selbst nur wenig Land und musste daher vorwiegend als Tagelöhner seinen Lebensunterhalt verdienen.

Peter Dohms, in: 500 Jahre Wallfahrtskirche Klausen, 2003, S. 14

1442 baute er nach einer Marienerscheinung eine Klause daneben, 1449 weihte Erzbischof Jakob von Sierck eine kleine Kirche, 1451 starb Eberhard. 1456 rief der Erzbischof — „vermutlich auf Betreiben des Kardinals Nikolaus von Kues“ — Augustiner-Chorherren der Windesheimer Kongregation an den Ort; 1502 wurde die große Kirche geweiht. Die Opfergaben der Pilger waren so reich, dass das Kloster Eberhardsklausen „im Laufe der Jahrhunderte einen umfangreichen Grundbesitz“ erwerben konnte. Wo er lag, sagt die Festschrift nicht im Einzelnen; aber sie bemerkt, dass die Pilger auffallend dicht aus den Orten entlang der Mosel zwischen Piesport und Cochem kamen, und vermutet einen Zusammenhang mit der Lage des Klosterbesitzes. Die Versteigerungsakten bestätigen es: 1805 und 1808 kamen Klausener Weinberge in Graach unter den Hammer, 1805 einer in Wintrich (dort).

Wer wann zog

Das Prozessionsverzeichnis der Festschrift liest sich wie eine Karte der Mittelmosel. Piesport hielt 1637 einen „geschlossenen Wallfahrtsgang“; die Zeltinger sind seit 1769 bezeugt. Für 1826 liegen Zahlen vor — und sie sind zugleich ein Maß dafür, wie groß die Dörfer waren und wie selbstverständlich ein ganzes Dorf sich auf den Weg machte.

Prozessionen aus Moselorten nach Klausen (Wiltrud Dohms, in: 500 Jahre Wallfahrtskirche Klausen, S. 69–160)
OrtbezeugtAngaben für 1826
Piesport1637—
Zeltingen-Rachtigseit 1769Pfingstdienstag, 500–600 Personen, drei Stunden Fußweg
Kröv1769 bis vor 1965, seit 1988 wieder—
Lieserseit dem 18. Jh.dreimal im Jahr, jährlich 400–500 Personen, drei Stunden
Maring-Noviandseit 1794, Anlass Kriegsnotfünfmal im Sommer, 400–500 Personen, zwei Stunden
Minheimvor 1826viermal im Jahr, 150 Personen, zwei Stunden
Wehlenvor 1826an Fronleichnam
Bernkastel, Kuesseit 1850—
Neumagen, Dhronseit 1832—
Osannseit 1865, Anlass Typhus—

1784 verbot Kurfürst Clemens Wenzeslaus Prozessionen zu entfernten Wallfahrtsorten — derselbe, der drei Jahre später den Riesling verordnete. Die Pfarreien „vor allem des Moselgebietes“ wehrten sich heftig, und bis auf eine ziehen die Moselorte noch heute. Ende der 1830er Jahre war Klausen nach St. Matthias in Trier das zweitwichtigste Pilgerziel der Diözese; 1866 schätzte der Pfarrer 150.000 Pilger, 1867 zählte er 99 Prozessionen. Seit 1882 kam man mit der Bahn, später auch über die Station Piesport der Moseltalbahn.

Dass die Wallfahrt am Wein hing, steht in den Pfarrberichten. 1870 kam kaum jemand — Pocken und Armut; im Herbst 1871 zogen wieder so viele wie früher, „nachdem die Leute wieder Kartoffeln und Brot im Hause und Futter in der Scheune hatten“. Neef gab 1979 als Termin an: „entsprechend Arbeitslage im Weinberg“. Traben-Trarbach legt seinen Gang so, dass er nicht mit einem Weinfest zusammenfällt. Und im Bernkasteler Weinberg, am Weg nach Graach, steht ein Heiligenhäuschen mit dem Klausener Bild.

Nach 1802

1802 wurde der Konvent aufgelöst. Der Klosterbesitz fiel nicht an die neue Pfarrei, die laut Visitationsbericht von 1804 „kein eigenes Grund- bzw. Kapitalvermögen“ hatte und fortan zu zwei Dritteln vom Opfergeld lebte. Ein Dorf Klausen gab es bis dahin nicht; es entstand erst jetzt, als Siedlung der Wirte. 1872 schrieb der Pfarrer: „Alle Einwohner von Klausen sind Wirte, die von Krames allesamt Bauern.“ 1922 standen dort neunzehn Gehöfte — vierzehn davon Gastwirtschaften.

Was fehlt

Die Festschrift von 2003 behandelt Wallfahrt, Bau und Bibliothek. Zur Klosterwirtschaft — Weinberge, Höfe, Erträge — verweist sie auf Peter Dohms’ Monographie von 1968 (Die Geschichte des Klosters und Wallfahrtsortes Eberhardsklausen an der Mosel, Rheinisches Archiv 64). Sie steht noch nicht in der Bibliothek dieser Seite.

NachweiseQuellen dieser Seite

  • Franz-Josef Heyen, Das Stift St. Simeon in Trier (Germania Sacra, Neue Folge 41: Das Erzbistum Trier 9), Berlin/New York: de Gruyter 2002, XIX + 1095 S.
  • Bernkastel-Kues in Geschichte und Gegenwart. Festschrift zum 700jährigen Stadtjubiläum, hrsg. von der Stadt Bernkastel-Kues, Redaktion Stefan Kritten, Bernkastel-Kues 1991, 480 S. — daraus Karl-Josef Gilles (Spätantike), Richard Laufner (Stadtentstehung, Zünfte), Franz Schmitt (Befestigung, Pfarrei), Klaus Freckmann (Stadtausbau, Schöffenbuch), Martha Schwab (Flurnamen), Heinz H. Grundhöfer (Judengemeinde), Erwin Schaaf (französische Zeit), Stefan Kritten (Stadtteile, 1870–1914).
  • 500 Jahre Wallfahrtskirche Klausen, hrsg. von Martin Persch, Michael Embach und Peter Dohms (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 104), Mainz 2003 — daraus Peter Dohms (Wallfahrt), Wiltrud Dohms (Prozessionsverzeichnis), Michael Embach (Bibliothek), Bernhard Schneider (Pfarrei).
  • Jörg Matthias Braun, Das Schöffenbuch zu Bernkastel von 1526 bis 1682 — Personenregister mit 1.530 Namen.
  • Die Zehnjahresreihe 1590–1599 bei Heyen ist hier nur mit Summe und Mittel wiedergegeben. Wo die Bände einander widersprechen — die Kaufsumme von 1280 lautet in der Festschrift einmal 250, einmal 300 Pfund —, ist die Angabe weggelassen.